Klosterschliessung oder Klostersterben

18.09.2018 | Rubrik: Allgemein

Immer mehr Ordenshäuser sind durch fehlenden Nachwuchs von Schliessung bedroht. Investoren wedeln mit den Geldscheinen, Anwohner und Freundeskreise versuchen dagegen zu halten. Die Kirchen als Eigentümer der Immobilien sind gefragt.

Es fehlt der Nachwuchs. Immer weniger Männer und Frauen entscheiden sich für ein abgeschiedenes Leben im Zölibat, jenseits der Konsum- und Spassgesellschaft. Das hat zur Folge, dass In vielen Häusern der Altersdurchschnitt schon deutlich über 60 Jahre liegt. Da in Klöstern die Solidargesellschaft praktisch gelebt wird, also die Jungen für die Alten sorgen, ist das Ende von vielen Gemeinschaften vorprogrammiert. Die Medien sprechen etwas marktschreierisch vom Klostersterben, die Betroffenen bevorzugen den Begriff Klosterschliessung, da die Nonnen und Mönche in der Regel in anderen Häusern ihres Ordens unterkommen. Einige sehen die Lösung des Problems in Kräuter-, Wander- und Fastenkursen, andere versuchen den Konvent mit Hilfe von Kloster-auf-Zeit Angeboten zu beleben. In der Regel schieben diese Versuche das Ende ein wenig in die Zukunft, das Nachwuchsproblem bleibt. Die nicht unmittelbar davon Betroffenen sehen den Verlust an spirituellen und kontemplativen Orten in ihrem Umfeld und beklagen die Unsicherheit über die neue Funktion dieser besonderen Plätze in Wehmut und Melancholie. Man erinnert sich an die verbrachten Tage beim Klosteraufenthalt, an die kontemplativen Momente während der Exerzitien und die magischen gregorianischen Chöre. Einige plädieren dafür die geschlossenen Klöster so lange in eine Art Dornröschenschlaf zu versetzen, bis eine neue sinnvolle Verwendung gefunden wurde. Wie schon im 19. Jahrhundert, als zahlreiche Klöster im Zeichen der Säkularisierung geschlossen und Jahrzehnte später wieder eröffnet wurden. Die Bewohner wissen, dass das nicht so einfach ist, da der Unterhalt eines über 100 Jahre alten Klosters auch ohne laufenden Betrieb sehr teuer ist und niemand in der Lage ist das zu bezahlen. Der Verfall wäre vorprogrammiert. Die Brüder und Schwestern sehen die Situation realistischer als wir von Verlustängsten geplagten aussenstehenden Sympathisanten. Sie orientieren sich am Hier und Jetzt und wissen aus ihrer spirituellen Erfahrung: wenn irgendwo eine Tür geschlossen wird, geht gleichzeitig eine andere auf. Während einige Ordensgemeinschaften ums Überleben kämpfen, entstehen an anderen Orten neue Meditationshäuser und ganzheitliche Seminarzentren und werden historische Pilgerwege wieder belebt. Wie sehr wir in Zeiten von Veränderung leben, zeigt das Kloster Reutberg im oberbayerischen Sachsenkam, knapp 30 km südlich von München, in dem nur noch zwei hochbetagte Franziskanerinnen leben und das akut von Schliessung bedroht ist. Nach langen, zähen und von den Medien begleiteten Verhandlungen hat der Verein Freunde des Klosters Reutberg dem Vorschlag der Erzdiözese München-Freising zugestimmt, dort ein neues Seelsorgezentrum einzurichten. Bei der guten Lage sind die Investoren natürlich schon Schlange gestanden. Fakt ist: ohne Nachwuchs werden die Klosterschliessungen weiter Thema bleiben.

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Autor: Alexandru Sandbrand-Nisipeanu

Der Autor ist Journalist und Blogger

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