Tausende Flüchtlinge ertrinken im Mittelmeer

13.08.2018 | Rubrik: Allgemein

Jedes Jahr ertrinken mehrere Tausend Flüchtlinge auf dem Weg nach Europa im Meer und uns interessiert es kaum. Im Gegenteil: Einige Parteien betreiben Wahlkampf mit der Verzweiflung von Menschen, die bei der Wahl Ihres Geburtsorts nicht so viel Glück hatten wie wir. Das Mitgefühl in den spirituellen Medien hält sich ebenfalls sehr in Grenzen.

Sie fliehen aus den verschiedensten Gründen: Terror, Krieg, Dürre und Hungersnot oder wollen einfach nur bessere Chancen für ihr Leben. Vielleicht ist alles nur ein Missverständnis oder eine Illusion und wahrscheinlich können wir nur einen kleinen Teil der Flüchtlinge aufnehmen. Aber auf jeden Fall dürfen wir Sie nicht ertrinken lassen und müssen ihnen helfen. Denn wir sind alles andere als unschuldig an den Ursachen: Kriege in Afghanistan und im Irak, Bürgerkriege in Syrien und Libyen. Unsere afrikanische Wirtschaftspolitik dient nur der Gewinnmaximierung grosser Konzerne, was sogar der Entwicklungshilfeminister von der CSU (!!!) scharf kritisierte. Um diese Menschen hat sich eine Schlepperindustrie gebildet, die jährlich mindestens 10 Milliarden Euro umsetzt und nur unzureichend bekämpft wird. Die Flüchtlinge sind Opfer dieser Schlepper; sie werden mit falschen Versprechungen gelockt um die hohen Preise der Schleppermafia zu bezahlen. Wer setzt sich schon freiwillig in so ein Boot, wenn er weiss, dass seine Überlebenschancen nur knapp über 50 % liegen. Öffentlich-rechtliche und Qualitätsmedien wie Süddeutsche Zeitung, FAZ oder die Neue Züricher berichten nur sehr eingeschränkt über die Tragödie; die anderen fast gar nicht. Das hat hauptsächlich wirtschaftliche Gründe: Berichte über ertrunkene Flüchtlinge eignen sich nicht so gut für die Internetwerbung, erhöhen auch keine Auflagen bei den Printmedien oder Quoten bei den Öffentlich-Rechtlichen. Die Leute wollen Spannung, Dramaturgie und gute Geschichten in den Nachrichten. Zumindest glauben das die Verantwortlichen. Das konnte man neulich bei der Höhlenrettung der Thailändischen Fussballmannschaft sehen, als praktisch alle Medien fast einen ganzen Monat lang mehrmals täglich und ausführlich über die Rettung durch Höhlentaucher berichteten. Obwohl das für uns eigentlich nicht so relevant ist, wird es zur zentralen Nachricht, weil es sich für die Medien rentiert. Tausende ertrinkende Flüchtlinge vor unserer Haustür berühren uns lange nicht so stark wie zwölf gerettete jugendliche Fussballer im Norden Thailands. Es geht wie so oft nur ums Geld. An einer spannenden Geschichte mit Happy End lässt sich mehr verdienen als an unserem medialen mediterranen Offenbarungseid.

Ein kleiner Teil unserer Bevölkerung fühlt sich von den ankommenden Flüchtlingen bedroht und artikuliert sich sehr laut auf z.B. PEGIDA Kundgebungen und in den sozialen Netzwerken. Sie schreien „Wir sind das Volk“, obwohl sie glücklicherweise nur eine Minderheit darstellen. Die Politik hat den Kampf um die Stimmen der besorgten Bürger am rechten Rand aufgenommen: die ganze AFD, ein Teil der Linken und fast die gesamte Führungsriege der Bayerischen CSU, die ein grosses C für Christlich in ihrem Namen trägt. Führende Politiker der CSU hetzen mit Begriffen wie Flüchtlingsindustrie, Asyltourismus oder Anti-Abschiebe-Industrie und versuchen dadurch bei Landtagswahl im Oktober Wählerschichten zu erreichen, die noch rechts von ihnen stehen. Sie nehmen die Spaltung unserer Gesellschaft bewusst in Kauf. Sie streiten um die juristische Zurückführung von vernachlässigbar wenigen Asylbewerbern an den Bayerischen Grenzen, schieben gut integrierte Menschen wieder ab und vergessen die Schleppermafia, die ursächlich für die grosse Masse der Flüchtlinge ist. Sogar die katholische Kirche in Bayern distanziert sich von Söders Kreuzerlass in öffentlichen Gebäuden, da er laut Kardinal Marx der Spaltung und nicht der Vermittlung von christlichen Werten dient. Der Islam ist nicht unser Feind; Menschen, die zu uns kommen, müssen das Grundgesetz achten. Das ist die Basis unseres Zusammenlebens. Söder, Seehofer, Dobrindt und Scheuer sollten sich unsere Verfassung mal durchlesen. Da steht viel Kluges drin.

Schon seit geraumer Zeit haben immer rechte Publizisten den lukrativen Markt der Esoterik entdeckt, da ein Teil der Esoterik schon seit Generationen offen für eine braune Weltanschauung ist. Sie nennen ihre völkischen Blogs oder YouTube-Kanäle spirituell oder buddhistisch und verdienen gutes Geld damit. Dass in diesen Medien abgehängte Sozialhilfeempfänger gegen Flüchtlinge aufgehetzt werden, überrascht nicht wirklich, auch wenn es hochgradig unanständig ist. Für die Betreiber ist es ein gut funktionierendes und lukratives Geschäftsmodell. Dass die vielen Tausenden Ertrunkenen in den anderen ganzheitlichen Magazinen und esoterischen Werbeblättern einfach nicht vorkommen, hat mit den oben beschriebenen fehlenden Verdienstmöglichkeiten zu tun. Therapieratgeber und vegane Ernährung verkaufen sich einfach besser und man kann als Blog oder Magazin gut mitverdienen. Flüchtlinge schalten keine Anzeigen, haben keine Lobby und keinen marktwirtschaftlichen Wert. Sie halten uns den Spiegel vor und zeigen, was wir unter Ethik, Moral und Mitgefühl verstehen; das hat sehr viel mit unserer Definition von Spiritualität zu tun. Wir können diese Menschen nicht teilnahmslos ertrinken lassen.

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Autor: Alexandru Sandbrand-Nisipeanu

Der Autor ist Journalist und Blogger

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