Der Spiegel und die Naturheilkunde

29.08.2018 | Rubrik: Allgemein

Mitten im Sommerloch setzt das Nachrichtenmagazin Der Spiegel zu einem Rundumschlag gegen ganzheitliche Therapieformen und fernöstliche Heil- und Entspannungsformen an. Das tut das Magazin auf all seinen Kanälen. Sehr glaubhaft liest sich das nicht.

Es stimmt, dass man in der sogenannten ganzheitlichen Szene kritisch sein sollte: Nicht jeder, der drei Wochen Urlaub am Zuckerhut gemacht hat, ist ein brasilianischer Schamane. Nicht jeder, der eine vierwöchige Ausbildung hinter sich hat, ist ein wirklicher Yogalehrer. Dafür braucht es definitiv mehr. Auf dem Markt kursieren tatsächlich Begriffe wie Lach-, Hunde- oder Bieryoga. Und trotzdem bleibt Yoga eine wunderbare Form seine körperliche und geistige Gesundheit zu verbessern, auch wenn der Yoga-Markt in letzter Zeit eine bedenkliche Form der Kommerzialisierung erfahren hat. Das gilt ebenso für die vielen anderen ganzheitlichen und spirituellen Methoden in einem boomenden Markt. Man findet gute und schlechte Lehrer und Therapeuten. Es gibt genug, die verantwortungsvoll handeln und Scharlatane, die nur am Geld interessiert sind. Wachsamkeit und Kritikfähigkeit sind für Suchende gute Begleiter. Letzte Woche widmete sich die Printausgabe des Nachrichtenmagazins Der Spiegel dem Thema Naturheilkunde und Alternativmedizin. Schon die Karikatur auf dem Titelblatt mit der Überschrift Hokuspokus – Geld weg zeigt, wohin die Reise geht. In einem bemerkenswerten Rundumschlag wird sowohl in der gedruckten Ausgabe als auch online alles platt gemacht, was nicht eindeutig zum Sektor Schulmedizin gehört. Gleichzeitig muss der Chefredakteur Klaus Brinkbäumer seinen Hut nehmen. Er sei zu sanft. Es geht wie so oft ums Geld. Von allen Zeitungen, Zeitschriften und Magazinen vermarktet Der Spiegel seine Internetseite schon seit vielen Jahren am lukrativsten. Für viele seiner Mitbewerber ist die Online Version ein Zuschussgeschäft. Dafür nimmt das traditionsreiche Nachrichtenmagazin bewusst Qualitätsverluste in Kauf und bekommt im Gegenzug eine höhere Auflage, mehr Klicks und damit mehr Werbeinnahmen. Polarisierende und hetzerische Überschriften verkaufen sich besser als informative. Hier einige Beispiele der letzten Tage:

    * Die Macht der Heiler

    * Wohin das Qi fliesst

    * Esoterik:  Wie die Volkshochschulen mit dubiosen Gesundheitskursen Volksverdummung betreiben

    * Undercover beim Handauflegen  

    * Von Akupressur bis Lach-Yoga

    * Heiler, Gurus, Scharlatane – der seltsame Boom der Alternativmedizin

    * Von Bachblüten bis Schröpfen

Die letzte Überschrift steht über einem Artikel in Spiegel Online (SPON): Hier wird alles, was mit ganzheitlicher Therapie und fernöstlichen Heil- und Entspannungsmethoden zu tun hat, von einem sogenannten Forscher untersucht und ohne Differenzierung als Humbug abgetan. Was haben Bachblüten mit Schröpfen zu tun? Oder Lachyoga mit Osteopathie? Genauso gut könnte man einen Stabmixer mit einem Lastenfahrrad vergleichen. Vereinfacht lässt sich das Weltbild des Forschers so ausdrücken: Schulmedizin gut – Alternativmedizin böse. Leider stimmt das nicht, wie man an vielen Medizinern und aktuell am Lobbyverein homöopathischer Ärzte sehen kann. Es gibt aber immer noch genug Ärzte, die ihren hippokratischen Eid ernst nehmen. Genauso gibt es jede Menge Scharlatane in Esoterik und Alternativmedizin; aber was hat das mit Yoga, Schröpfen, Meditation, Osteopathie und so vielen anderen interessanten ganzheitlichen Methoden zu tun? Was als kritische Auseinandersetzung mit dem Thema präsentiert wird, dient ausschliesslich der Umsatzsteigerung. Mit differenzierten Beiträgen wird nicht so viel Geld verdient. Auf der anderen Seite thematisiert die ganzheitliche Medienlandschaft auch nur, was den Umsatz erhöht. Hier gibt es praktisch ohne Ausnahme keine Trennung zwischen Redaktion und Anzeigenabteilung, was nach dem journalistischen Ethikcodex ein absolutes NoGo ist. Wie sollen sich die Verbraucher da noch zurechtfinden? Sich über spirituelle und ganzheitliche Methoden zu informieren, ist in den letzten Jahren auf jeden Fall nicht einfacher geworden.

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Autor: Alexandru Sandbrand-Nisipeanu

Der Autor ist Journalist und Blogger

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