Ist gebührenfinanziertes Radio & TV zeitgemäss?

06.06.2017 | Rubrik: Allgemein

GEZ-Bashing ist gerade bei Rechtspopulisten, braunen Esoterikern und Verschwörungstheoretikern sehr angesagt. Auch wenn die Kritik aus der falschen Ecke kommt, müssen sich die Öffentlich-Rechtlichen dringend erneuern – so wie bisher kann es nicht weitergehen. Ein Plädoyer für ein gutes öffentlich-rechtliches Programm.

Jedes Jahr zahlen wir Bürger in Deutschland über die GEZ knapp 10 Milliarden Euro für ARD und ZDF und einige andere Sender. Wenn ich mir Radioprogramme wie Deutschlandfunk, Bayern 2, SWR 3, Figaro etc anhöre oder Fernsehsender wie 3Sat und Arte anschaue, dann kann ich die Rundfunkgebühren durchaus als gute Investition betrachten. Das Problem ist, dass diese Sender und Stationen nur einen Bruchteil der Rundfunkgebühren erhalten und weit über 90 % der Einnahmen bei ARD, ZDF und deren Untersendern landen. Aufgabe der öffentlich-rechtlichen Sender ist Kultur, Bildung, Unterhaltung, Information und Beratung anzubieten. Werbung ist dabei nur sehr begrenzt und in einem kleinen Zeitfenster erlaubt. Davon sind ARD und ZDF so weit entfernt wie noch nie in Ihrer langen Historie. Sie sind zu Selbstbedienungsläden geworden, die Volksmusikveranstaltungen und andere Shows mit Unterhaltung verwechseln, in der sich die Schleichwerbung von morgens bis abends durch das Programm zieht und auch die, denen konkrete Verfehlungen nachgewiesen wurden, faktisch straffrei bleiben. In den Talkshows sitzen fast nur Menschen, die uns irgendwas verkaufen wollen und von ihrem Management da reinplatziert wurden: Einer hat ein neues Buch geschrieben oder einen Film gedreht,, der jetzt in die Kinos kommt, der dritte eine neue CD aufgenommen, bei einem Gast wurde gerade die Staffel einer neuen Serie abgedreht oder jemand beginnt in naher Zukunft eine Tournee und braucht noch ein paar Zuschauer. Der Sender hat keinen Einfluss auf die Auswahl der Gäste, denn die Produktion wurde aus wirtschaftlichen Gründen ausgelagert. In der Regel ist der Moderator an der Produktionsfirma zumindest beteiligt. Fast alle bekannten Moderatoren in ARD und ZDF verdienen jedes Jahr Millionen mit dem Kommerz, der genauso gut bei den Privaten laufen könnte. Wenn sich kommerzielle Rundfunkanstalten an Kosten und Quoten orientieren, kann ich das nachvollziehen; bei öffentlich-rechtlichen ist dieser Ansatz ziemlich daneben. Zappen Sie sich abends durch die gebührenfinanzierten Sender, finden Sie hauptsächlich Rateshows, Unterhaltungssendungen und Kochshows. Spielfilme sind auch bei aktueller und interessanter Thematik so quotenorientiert und weichgespült, dass sie jegliche Kontur verloren haben. Shows und Filme werden dann in den Regionalprogrammen wiederholt und wiederholt und wiederholt. Und das bei fast 10 Milliarden Euro, die die Öffentlich-Rechtlichen jedes Jahr zu Verfügung haben. Die qualitativen Sendungen in ARD und ZDF sind nur noch vereinzelt zu finden und garantiert nicht zwischen 18:00 Uhr und 23:00 Uhr. Es ist faktisch kein Unterschied mehr zwischen Privaten und Öffentlich-Rechtlichen zu erkennen. Das gebührenfinanzierte Radio und Fernsehen ist eine zarte Pflanze, die gehegt und gepflegt und immer wieder zurückgeschnitten werden muss. Bei den vielen Falschmeldungen und gezielten Desinformationen haben die Öffentlich-Rechtlichen ein grosses Feld, auf dem sie aktiv werden können. Was das öffentlich-rechtliche Fernsehen schon seit einiger Zeit anbietet, ist billige Unterhaltung, schlechte Filme und eine nicht enden wollende Anzahl an Rate-, Koch- und Verkaufsshows, bei den immer wieder dieselben Leute im Rateteam sitzen und wahrscheinlich keinem anderen Beruf mehr nachgehen. Das kann nicht der Grund sein, warum wir Rundfunkgebühren bezahlen. Da hat sich eine ganze Menge verselbständigt. Der Zuschauer soll gefordert und nicht narkotisiert werden

Man muss vorsichtig sein, denn bei der Kritik an der GEZ gibt es schnell Applaus von der falschen Seite. Braune Esoteriker, Reichsbürger, Verschwörungstheoretiker, Querfrontler etc. finden, dass die wahren Informationen im Internet gezeigt werden und in der Regel nach Kulissenwechsel aus dem Nuvo Viso Studio in Leipzig kommen. Zum Beispiel interviewt dort Heiko Schrang, der viel Geld mit Verschwörungstheorien verdient hat, seine Anhängerin Lisa Fitz und erzählt von seinem neuen Buch über die GEZ-Lüge. Natürlich will Schrang nicht, dass seine Verschwörungstheorien gegengecheckt würden; wo bliebe da seine Geschäftsgrundlage. Echte Informationen finden Anhänger dieser merkwürdigen Szene auch im von Russland bezahlten Russia TV, die sich für keine Peinlichkeit zu schade sind. Öffentlich-rechtliches Radio und Fernsehen mit einem klaren Auftrag ist immer noch die beste Möglichkeit. Der Bürger hat dabei laut Staatsvertrag Anspruch auf Qualität. Solange die Intendanten Qualität mit Kommerz und Quoten verwechseln und jedes Jahr 10 Milliarden Euro in den Wind schiessen, kann man sich durchaus einen temporären Boykott der GEZ-Gebühren überlegen. So wie bisher darf es nicht weitergehen. Der Selbstbedienungsladen muss aufhören. Wir bezahlen für anspruchsvolle Unterhaltung, Information, Bildung und Kultur.

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Autor: Alexandru Sandbrand-Nisipeanu

Der Autor ist Journalist und Blogger

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