Mein Wildgarten – Meir Shalev

21.05.2017 | Rubrik: Bücher + Filme

Literaturtalk im Hotel i.31 in Berlin Mitte

Geschichten aus einem Wildgarten im Norden Israels unweit von Nazareth. Kein Gartenratgeber, sondern Kurzgeschichten und Fabeln aus dem Leben des Autors und Israel im Allgemeinen. Wunderbar illustriert von Rafaella Shir.

Der israelische Autor Meir Shalev zählt sich selbst zu den unpolitischen unter den regimekritischen Schriftstellern des Heiligen Landes. Er ist bekannt für seine Romane und äusserst beliebten Kinderbücher; in israelischen Zeitungen schreibt er regelmässig Kolumnen. Sein neues Buch Mein Wildgarten ist eine Ansammlung von Kolumnen und Kurzgeschichten, in denen er über Gott und die Welt, Mensch und Tier, Blumen, Pflanzen und Bäume philosophiert. Nach langer Zeit in Jerusalem ist der Autor Anfang des Jahrtausends in den Norden nach Galilea in ein Haus mit Garten gezogen. In den Jahren hat er sich einen Wildgarten eingerichtet, der ohne Nutz– und Kulturpflanzen auskommt. Ausgehend von seinem Garten reflektiert er in Geschichten und Fabeln seinen Disput mit einem Maulwurf und die Zusammenhänge von Olivenbäumen und der Zweistaatenlösung, beschreibt kulinarische Genüsse aus seinem Garten und die Dogmatiker unter den Kompostbetreibern. Mitte Mai war Shalev auf Deutschlandtour und hat sein feines und lesenswertes Buch mit 40 besonderen Illustrationen in mehreren Städten vorgestellt. In Berlin war die Lesung in einem Design-Hotel in Mitte, da wo der Bär steppt. Das i.31-Hotel bietet in unregelmässigen Abständen einen Literaturtalk an, der in schönem Ambiente Autoren und ihre Werke präsentiert. Der Literaturtalk i.31 scheint für das Hotel eine Herzensangelegenheit zu sein, die Einnahmen gehen zu 100% an einen gemeinnützigen Verein für Frühgeborene. Durch das Gespräch mit Meir Shalev führt Hoteldirektor Rosenberg persönlich; sein ganzes Team ist um das Gelingen der Veranstaltung bemüht. Vielleicht verlässt sich Rosenberg bei der Wahl seiner Gäste zu sehr auf eine Kombination aus Spiegel-Bestsellerliste und Markus Lanz. Iris Berben und Wolfgang Bosbach sind mehrmals die Woche im Deutschen Fernsehen zu bewundern und über die literarischen Qualitäten von Martin Walker und Sebastian Fitzek kann man trotz ihrer hohen Auflagen streiten. Egal, Meir Shalev ist ein anderes Kaliber und es macht Spass diesem irgendwie typischen Bürger des Staates Israel in entspannter Atmosphäre zu lauschen. Er gehört zu dem Teil der Zivilgesellschaft, mit denen sich unsere Aussenminister Steinmeier und Gabriel bei ihren Israelbesuchen treffen und will im Literaturtalk eigentlich nicht über die Zweistaatenlösung sprechen. Er erzählt lieber von mythologischen Phänomenen in seinem Wildgarten, der von Anfang Mai bis Ende September ohne Regen auskommen muss. Es geht um Leben und Tod, um Sterben und Wiedergeburt. Es fasziniert ihn, wenn Samen viele Jahre brauchen um zu keimen, und niemand den genauen Zeitpunkt voraussagen kann. Die meisten seiner Geschichten sind Samen, die vor langer Zeit in sein Gehirn gelangten und Jahre und Jahrzehnte brauchten um aufzugehen und zu blühen. Das Besondere an einem Wildgarten ist, dass er sich die Zeit nimmt, die er braucht und Manipulationen von aussen nur sehr schwer möglich sind. Ein sinnliches Buch, das nicht von Anfang bis Ende durchgelesen werden muss; der Leser kann sich auch die einzelnen Geschichten raussuchen, sei es Italien im Garten, Barfuss laufen, die Deutschen Wespen, Wie in Bayern oder eine der vielen anderen. Ein schönes Buch, das Spass macht und uns dabei Israel und Meir Sharev ein wenig näher bringt. Am Ende hat der Küchenchef vom i.31 in guter Nahosttradition ein Buffet mit Humus, Falafel und anderen Leckereien aus der Region aufgebaut. Leider hatte ich schon was vor …..

Meir Shalev – Mein Wildgarten – Diogenes 2017

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Autor: Alexandru Sandbrand-Nisipeanu

Der Autor ist Journalist und Blogger

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