Der tiefe Fall des Gerald Hüther

20.04.2017 | Rubrik: Verschwörungstheorien

©Franziska Hüther / @ Wikipedia

Der Fernsehstar unter den Neurobiologen, Gerald Hüther, trifft sich verstärkt mit Rechtspopulisten und Nationalsozialisten und lädt sie sogar vor laufender Kamera zu sich nach Hause ein. So tief kann man sinken!

Die Wissenschaft der Neurobiologie oder die spannende Frage, was in unserem Hirn geschieht und wie es sich auf unser Leben, auf Körper; Geist und Seele auswirkt, konnte bis vor 25 Jahren nur im Rahmen einer Black Box beschrieben werden. Es gab zwar einige Theorien, die aber nur schwer zu belegen waren. Durch neue bildgebende Verfahren wie MRT konnte man in den 90iger Jahren die Vorgänge im Hirn endlich darstellen. Das war äusserst spannend und immer mehr Menschen interessierten sich für Synapsen, Neurotransmitter und Botenstoffe. Ähnlich wie beim Internet hatten viele schon davon gehört, aber nur wenige wussten, wie es funktioniert. Gut, dass es einen wissenschaftlichen Mitarbeiter an der Universität Göttingen gab, der diese neuen Erkenntnisse und deren Auswirkungen auf unser alltägliches Leben einfach und verständlich in Vorträgen vermitteln konnte. Natürlich war Gerald Hüther froh sein karges Assistentengehalt dadurch aufbessern zu können. Seine Vorträge waren spannend, kurzweilig und abwechslungsreich. Mit der Zeit merkte man, dass er sie sich im Baukastensystem zusammenstellt und vorhersehbar war, aber seine Fangemeinde nahm kontinuierlich zu. Der sympathische Opa aus Sachsen stieg zum Stammgast in Fernsehtalkshows auf und engagierte sich öffentlich gegen die Behandlung der Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung ADHS mit Ritalin, da dieses Medikament Wirkstoffe enthält, die massiv in den Gehirnstoffwechsel der betroffenen Kinder eingreifen. Zu dem Zeitpunkt war Gerald Hüther, der kein Arzt ist, schon lange nicht mehr Forscher an der Neurobiologischen Fakultät der Universität in Göttingen, sondern weitestgehend freigestellt und verdiente sich mit Büchern, Auftritten und Talkshowhonoraren ein lukratives Zubrot. Das wurde von den Veranstaltern bewusst nicht immer sauber kommuniziert. Dazu sass er im Beirat zahlreicher Unternehmen und war Gründungsmitglied verschiedener Stiftungen und Netzwerke. Dabei war er nicht immer sorgfältig in der Auswahl seiner Partner und Auftraggeber. Mit einer dieser Stiftungen, der Sinn-Stiftung, kam Hüther schon vor geraumer Zeit in nicht enden wollende negative Schlagzeilen: In der Sinnstiftung bot er zusammen mit seinem Partner 2-monatige Almaufenthalte in den Sommerferien für Kinder mit ADHS-Syndrom an, was eigentlich kein schlechter Ansatz war. Dafür tourte der sympathische Opa aus Sachsen mit dem Projekt Lieber 8 Wochen Alpen als ein Leben lang Ritalin durch die Talkshows im deutschsprachigen Raum. Die Kritik kam noch während des Aufenthaltes auf der Berghütte. Eltern, die ihre Kinder in den 8 Wochen nur einmal besuchen durften, beschrieben die Hütte als viel zu klein und unhygienisch und ihre Kinder teilweise als verwahrlost. Der Unkostenzuschuss von 2000 € sei viel zu hoch, der Zustand einiger Kinder bedenklich. Nach dem Almaufenthalt kamen Missbrauchsvorwürfe gegen den Betreuer Tibor B. auf, der von der Sinn-Stiftung als erfahrener und kompetenter Therapeut angekündigt wurde. Schon da liess Hüther eine klare Positionierung vermissen und erst als der öffentliche Druck zu gross wurde und Tibor B. schon lange in Untersuchungshaft sass, gab Hüther Jahre später seinen Austritt aus der Sinnstiftung bekannt. Zu dem Zeitpunkt hatte Gerald Hüther noch eine andere Baustelle, denn sein gut bezahlter Vortrag beim NLP Verkaufskongress in seiner alten Heimat Leipzig kam in der akademischen Welt nicht sehr gut an. Man spürte, wie sein Streben nach Geld und Anerkennung ihn immer mehr von seinen früheren Zielen entfernte, was aber seiner Popularität keinen Abbruch tat. Er diskutiert mit Richard David Precht und ist gerngesehener Gast bei Markus Lanz; mit beiden ist er natürlich freundschaftlich verbunden, genau wie mit Rechtspopulisten wie Roland Düringer und Rüdiger Dahlke oder mit den modernen Nationalsozialisten Michael Vogt und Hagen Grell. Hagen Grell hat gerade die unsägliche Rede Bernd Höckes in Dresden zum Holocaust Denkmal mit der Forderung nach einer 180 Grad Wendung in unserer Erinnerungskultur auf dem muslimfeindlichen Blog Politically Incorrect leidenschaftlich verteidigt. Diesen Hagen Grell lädt Hüther vor laufender Kamera zu sich nach Hause ein und trifft sich auch mit ihm im Leipziger Nuo Viso Studio. In dem Studio nehmen die braunen Esoteriker ihre Sendungen auf. Der Zuschauer merkt es kaum, da die Kulisse vor jeder Sendung mit ein paar Handgriffen ausgetauscht wird. Bei Nuo Viso ist Hüther genauso wie Dahlke, Daniele Ganser, Lisa Fitz etc. Stammgast bei völkischen Verschwörungstheoretikern. Wenn Hüther sich vor laufender Kamera im Querdenken TV freundschaftlich mit Michael Vogt austauscht, denkt der Zuschauer, dass der Talk im Studio von Querdenken TV aufgenommen ist. Pustekuchen, all diese Sendungen finden in ein und demselben Studio in Leipzig statt; man verschiebt nur ein paar Kulissen und erweckt den Eindruck einer eigenen Location. Die Szene ist deutlich kleiner als man uns vormacht. Natürlich spricht Hüther auf diesen Veranstaltungen hauptsächlich über seine klassischen Themen und nicht über Holocaust und Überfremdung, aber er macht Nationalsozialisten und Rechtspopulisten wie Grell, Düringer und besonders Vogt salonfähig. Seit kurzem ist er auch in der Geldmaschine mit Sektencharakter Human Trust mit Lindau, Dahlke etc aktiv. Wie soll man diesen Gerald Hüther nun einschätzen? Scharlatan, Freidenker, brauner Esoteriker, Wissenschaftler oder Geschäftemacher? Wahrscheinlich irgendwo in der Mitte; der sympathische Opa aus Sachsen hat von allem ein wenig.

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Autor: Alexandru Sandbrand-Nisipeanu

Der Autor ist Journalist und Blogger

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