Kaltland

22.03.2017 | Rubrik: Bücher + Filme

Die deutsche Autorin Jasna Zajcek beschreibt in Ihrem autobiografischen Werk Kaltland die Flüchtlingskrise besonders im zweiten Halbjahr des Jahres 2015 anhand ihrer persönlichen Erfahrungen in Berlin Moabit und einem sächsischen Dorf in der Nähe von Bautzen. Kann man lesen, muss man nicht …..

Ich gestehe: ich war bis zum 1. März dieses Jahres noch nie in einer Flüchtlingsunterkunft und habe mich auch nicht an der monatelangen Hilfsaktion vor der Aufnahmestation in der Turmstrasse engagiert, als das Totalversagen der Berliner Sozialbehörde LAGESO nur durch massenhaftes gesellschaftliches Engagement ausgeglichen und so eine Tragödie verhindert wurde. Vielleicht auch deshalb meine Bewunderung für Männer und Frauen wie Jasna Zajcek, die Menschen nach monatelanger Flucht mit Essen und Wasser versorgten, während Politiker, Senatsbeamte und Angestellte Dienst nach Vorschrift leisteten oder gerade auf Mallorca weilten. So fand ich es interessant, dass Autorin und Verlag zur Buchpräsentation in eine Flüchtlingsunterkunft am Potsdamer Platz einluden. Die Unterkunft ist ein ehemaliges Hotel in einem 16-stöckigen Gebäude und die Präsentation fand ganz oben im letzten Stock statt. Gleich am Eingang steht der in Schwarz gekleidete Sicherheitsapparat, mustert jeden Besucher und gibt klare Vorgaben: Ausweisen und Eintragen und daran denken sich beim Verlassen des Gebäudes wieder auszutragen. Leider funktioniert gerade nur ein Aufzug und so tuckelt der Lift Stock für Stock mit mir und zahlreichen Flüchtlingen samt Kindern und Tüten mit Lebensmitteln, bis ich als Letzter ganz oben aussteigen kann. Die Lounge mit dem atemberaubenden Panoramablick relativiert die Flüchtlingsunterkunft ein wenig, genauso wie die Riesenplatte mit Schweinemett; dazu wird Wein und Bier gereicht. Die Verhältnisse in der Unterkunft am Potsdamer Platz sind natürlich deutlich besser als die von der Autorin beschriebenen in Tipschitz bei Bautzen. Der Roman oder besser das Tagebuch ist ein ziemliches Wechselbad der Gefühle, das teilweise spannend und berührend, aber über weite Strecken eher banal und beliebig ist. Sowohl das Konzept als auch die Sprache sind unscharf, vieles erschliesst sich dem Leser nicht. Warum genau hat sich Frau Zajcek entschlossen nach Sachsen zu gehen und Flüchtlingen Deutsch beizubringen? Ich hätte mir eine detaillierte Beschreibung der Strukturen und Verflechtungen von Kommunalpolitik und Heimbetreiber gewünscht. In postfaktischen Zeiten sollte man als Autor präzise formulieren. Zwischen den Zeilen kann man manchmal erkennen, wie stark die sächsische Vetternwirtschaft ausgeprägt ist und wie viele Dienstleister an den hilflosen Flüchtlingen verdienen wollen. Auch das staatliche Totalversagen schimmert immer wieder durch. Der Spannungsbogen mit Brandanschlag auf das Wohnheim wirkt künstlich. Die politischen Statements der Autorin bestehen in der Regel aus Allgemeinplätzen. Die Kapitel über Pegida, AFD und den brennenden Husarenhof sind vorhersehbar und dem Zeitgeist geschuldet. Interessant war die Beschreibung der Schlepper und wie sie Flüchtlingen empfehlen ihre wahre Identität zu verheimlichen und welche Tricks die Behörden anwenden um die tatsächliche Herkunft der Geflüchteten herauszufinden. Letztlich ist mit Kaltland eine Art Tagebuch entstanden, das zwar den Zeitgeist trifft, aber erheblichen Mangel an Substanz hat. Und trotzdem verdient Frau Zajcek grossen Respekt, nur nicht unbedingt für Kaltland.

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Autor: Alexandru Sandbrand-Nisipeanu

Der Autor ist Journalist und Blogger

2 Reaktionen zu “Kaltland”

  1. Jasna Zajcek schreibt

    Hallo, danke für den interessanten Kommentar zu meinem Buch, ich bin aber eine „deutsche“ Autorin bzw. in Westberlin geboren, und ganz früher, da kamen meine Vorfahren mal aus Böhmen und dem Fürstentum Lippe, aber das war vor 450 Jahren 😉

  2. Alexandru Sandbrand-Nisipeanu schreibt

    Sorry, habe es geändert…..

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