Geschäftsmodell Verschwörungen

21.02.2017 | Rubrik: Allgemein

Babylon Kino Berlin Mitte

Das Geschäft mit den Verschwörungstheorien boomt. Esoterische Geschäftsleute setzen sie ganz bewusst und professionell ein, zusammen mit NLP und Rhetorik in ihrem Marketing-Mix. Manche auch nur aus Verzweiflung, weil sie insolvent sind oder keinen anderen Weg mehr sehen auf sich aufmerksam zu machen.

Verschwörungstheorien wie Chemtrails, 11. September 2001, gesteuerte Massenmedien, jüdische Weltverschwörung oder Neue Weltordnung sind nicht nur in der rechten Szene schon länger angesagt. Verschwörungstheorien haben oft einen sehr eingängigen Aspekt, der nach einer intensiven und differenzierten Auseinandersetzung mit der jeweiligen Theorie verlangt. Leider sind die Anhänger nicht dazu bereit und vertrauen weiterhin den skurrilen Informationsquellen im Internet. So funktioniert das Geschäftsmodell. Was haben prominente Menschen davon diese Geheimnisse in einem esoterischen Kontext in die Welt zu tragen? Oder wem nutzt es – Cui bono? Sie signalisieren den Anhängern dieser seltsamen Theorien, dass sie auch daran glauben und zur gleichen Gruppe von Insidern und Geheimnisträgern gehören. Das verbindet. Die Konzerte, Vorträge und Seminare sind besser besucht, die Verkäufe steigen. Wie so oft geht es ganz banal um die Kohle. Immer wieder trifft man bei den Verbreitern dieser gruseligen Theorien auf Menschen mit Geldproblemen, von denen einige Insolvenzen hinter sich haben. Fast alle haben sich verzockt mit Steuer sparenden Bauherrnmodellen in den neuen Bundesländern, Solarparks, Aktien und Fonds etc. und sind danach in obskure Esoterikbotschaften abgetaucht. Schuld sind natürlich immer die anderen, nicht die eigene Gier oder das Vergnügen beim Steuersparen. Viele der Schauspieler, Kabarettisten, Moderatoren oder Politiker sind als öffentliche Person mit der Zeit nicht mehr so angesagt; um den Lebensstil beizubehalten, müssen sie etwas nachhelfen. Manche entscheiden sich fürs Dschungelcamp, andere für Verschwörungstheorien. Jede dieser Varianten kann die mediale Präsenz erhöhen. Lisa Fitz geht auf Nummer sicher und macht beides.

In diesem Herbst wurde mal wieder der Preis für Verschwörungstheorien und andere Peinlichkeiten Das goldene Brett vorm Kopf verliehen. Gewonnen hat der Arzt und Verschwörungstheoretiker Ryke Geerd Hamer. Mein Favorit unter den Teilnehmern war der Schweizer Junghistoriker und neue Superstar der Szene Daniele Ganser, der sich aber nicht durchsetzen konnte. Ganser trifft sich gerne mit völkischen Rechten und Mitgliedern der sogenannten Truther Szene zu lockeren Gesprächsrunden der rechten Internetsender. Er ist Walldorfschüler und junger Familienvater und kommt sympathisch rüber, wenn er von Frau und Kindern und seiner Fussball Leidenschaft spricht. In seinen Vorträgen referiert Ganser über illegale Kriege und einseitige Medien, womit er zum Teil sogar Recht hat. Sein Problem ist, dass er sich die Fakten zurechtlegt und einzelne Aspekte herauspickt um das Weltbild der Neuen Rechten mit bösen Amerikanern und guten Russen anschaulich darzustellen. Kollegen bezeichnen ihn als Wissenschaftspopulisten, der eine politische Mission verfolgt und sich von seriöser wissenschaftlicher Arbeit weit entfernt hat. Das stört ihn sicherlich ein wenig, aber der Erfolg ist beachtlich. Wahrscheinlich hat er sich vor ein paar Jahren nicht einmal annähernd vorstellen können, wie viel Geld er mit seinen Vorträgen vor besorgten Bürgern verdienen wird. Anfang Dezember hat ihm das Berliner Kino Babylon an 4 Tagen für 5 Vorträge über Illegale Kriege den grossen Saal mit über 500 Plätzen zur Verfügung gestellt. Das Babylon ist bestimmt kein Treffpunkt der Neuen Rechten. Da die Betreiber mit ihrem anspruchsvollen Programm trotz hoher Subventionen immer knapp sind, konnte man das Geld wahrscheinlich gut gebrauchen. Eigentlich schade, dass so ein wichtiges Kulturzentrum seinen grossen Saal so prominent für Verschwörungstheorien öffnet. Die Rechtspopulisten aus Berlin und Brandenburg nahmen das Angebot dankbar an und füllten den Saal für 14 € pro Karte immer gut. Gansers Geschäftsmodell funktioniert. Davor und danach hat er vor besorgten Bürgern in Bautzen und Leipzig gesprochen und war als Redner auf Michael Vogts Querdenken Kongress in Bergheim bei Köln. Er sagt in seinen Vorträgen, was besorgte Bürger gerne hören und verdient richtig gut Kohle damit. Vieles von dem, was er vorträgt, ist wahr, keine Frage. Nur die Art, wie er mit Fakten umgeht, ist das Problem: einseitig, parteiisch, tendenziös und somit populistisch. Wir haben in unserer Medienlandschaft kein Problem damit zentrale Punkte des westlichen Bündnisses wie Waffenlieferungen an Saudi-Arabien, den Flüchtlingsdeal mit der Türkei oder die völkerrechtswidrigen Kriege in Afghanistan und im Irak zu kritisieren. Ganser kann das mit Putins Grausamkeiten nicht. Kein Wort über russische Massaker in Aleppo, kriegerische Handlungen in der Ukraine, Tschetschenien, Georgien, die staatliche Kontrolle fast aller russischen Medien, die Verfolgung von Oppositionellen oder Putins nicht enden wollende Herrschaft. Es würde ihm die Geschäftsgrundlage entziehen. Besorgte Bürger wollen das nicht hören.

Eine Möglichkeit um Verschwörungstheoretiker, deren Motivation und Hintergründe, besser zu verstehen, ist wie so oft die Frage nach dem Vorteil. Was hat der- oder diejenige davon – Cui bono? Im Fall von Profiteuren wie Ganser, Dahlke oder Lisa Fitz ist die Antwort klar: mehr Käufer, mehr zahlende Besucher, mehr Seminarteilnehmer, also mehr Geld! Leider ist es nicht immer so einfach. Für Menschen wie Jo Conrad oder Michael Vogt ist es eher ein Teil ihrer selbst. Das wirklich gute Geld, das damit verdient wird, ist wahrscheinlich nur ein sehr angenehmer Nebeneffekt.

Geschäftsmodell Verschwörungen Teil 2

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Autor: Alexandru Sandbrand-Nisipeanu

Der Autor ist Journalist und Blogger

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