Filmtipp: Wild Plants von Regisseur Nicolas Humbert

26.01.2017 | Rubrik: Bücher + Filme

Wild Plants, der neue Film von Regisseur Nicolas Humbert beschäftigt sich mit dem Kreislauf der Natur und zeigt uns mit schönen Bildern und schräger Musik, dass Leben an sich zyklisch stattfindet und sich so immer wieder erneuert. Unbedingt anschauen!


Nicolas Humbert
war lange Zeit Partner von Werner Prenzel, dessen wunderbarer Film ZEN for Nothing hier im Magazin vor ein paar Monaten begeistert besprochen wurde. Zusammen haben sie seit den frühen 90iger Jahren mit poetischen Meisterwerken wie In the Middle of the Moment und Step Across the Border eine grosse und treue Fangemeinde um sich geschart. Humberts neuester Film Wild Plants, an dem er mehr als 6 Jahre gearbeitet hat, beschäftigt sich mit dem Kreislauf der Natur, dem Werden und Vergehen, der sich bei Menschen und Pflanzen nicht grundsätzlich unterscheidet und dem sich niemand entziehen kann. Urban Gardening gehört mittlerweile genauso zum gentrifizierten Szeneviertel wie Yogastudios und Sojamilch, bärtige Hipsters und Christiania Bikes. Nicolas Humbert hat sich in seinem Film Wild Plants 6 Jahre lang mit der anarchistischen Variante dieser Form von Selbstversorgung beschäftigt und portraitiert in seiner poetischen Dokumentation naturverbundene Aussteiger, nachdenkliche Querköpfe und einen indianischen Aktivisten. Der Zuschauer ist hin- und hergerissen und weiss nicht, ob er sich den wunderbaren Bildern ergeben soll oder auf die angenehm schrägen und ganz und gar nicht alltäglichen Protagonisten konzentrieren soll; beides ist reizvoll.

Der Schweizer Koch und Aktivist Maurice Maggi hat seine Wurzeln in der Züricher Hausbesetzerszene Anfang der 80iger Jahre und verschönert seit damals das Stadtbild mit Pionierpflanzen, die er strukturiert und farblich sortiert über die Stadt verteilt und damit ein buntes Pflanzengraffity entstehen lässt. Der Schweizer Guerillagärtner streift nachts mit genügend Samen und einer Harke bewaffnet durch die Finanzmetropole und verschönert Brachflächen, an denen sonst der Beton dominieren würde.

Kinga Osz und Andrew Kemp zeigen, dass Selbstversorgung durch Guerilla Gardening auch im aussterbenden Detroit möglich ist. Die ehemalige Hauptstadt der Autoindustrie hat einen Grossteil seiner Arbeitsplätze verloren und kämpft mit Stadtflucht, Leerstand, Verfall und hoher Kriminalität. Für das sympathische Pärchen aus Michigan ist das der Kompost, aus dem der Humus entsteht, der dann den Pflanzen als fruchtbarer Boden dient. Das Phänomen zeigt sich auch in der Musikszene Detroits, in der seit einiger Zeit eine starke und weltweit beachtete musikalische Subkultur entsteht.

Die landwirtschaftliche Kooperative Jardins de Cocagne versorgt Menschen aus der Gegend um Genf mit biologischem Gemüse aus der Region. Die gute Beziehung zwischen Käufer und Verkäufer ist die Grundidee des Projekts und für alle Beteiligten ein ganz wichtiger Punkt. Dadurch unterscheidet man sich prinzipiell vom Einkauf im Supermarkt.

Der indianische Häuptling, Aktivist und Philosoph Milo Yellow Hair wird vom Regisseur bei einem Räucherritual seiner Pflanzungen in Wounded Knee begleitet.

Aus diesen Portraits und den beeindruckenden Landschaftsbildern hat der Regisseur in den sechs Jahren seiner Entstehung einen poetischen Dokumentarfilm geschaffen, der uns leise zeigt, wie sehr Menschen und Pflanzen zusammenhängen. Sollte man gesehen haben, solange Wild Plants noch in den Kinos gezeigt wird.

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Autor: Alexandru Sandbrand-Nisipeanu

Der Autor ist Journalist und Blogger

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