Yoga, Kampf auf der Matte – nicht nur in Berlin Mitte

18.11.2016 | Rubrik: Yoga

Der Kampf zwischen den Yogastudios in den grossen Städten tobt und wird über Luxus, schickes Design und anderen Äusserlichkeiten ausgetragen. Glücklicherweise gibt es noch Zentren, die sich nicht an dieser Art von Wettbewerb beteiligen.

Berlin ist weltweit die Hauptstadt des Yoga mit über 300 Studios, in denen die angesagte Form der Entspannungstechnik angeboten wird. Volkshochschule, Praxen für Naturheilkunde oder Physiotherapie und Fitnessstudios mit Yogastunden sind da noch gar nicht mitgerechnet. Jeden Monat wird in der Hauptstadt mindestens ein Zentrum eröffnet, das mit einem neuen und revolutionären Ansatz der einige Tausend Jahre alten indischen Philosophie wirbt. In dieser langen Zeit der Geschichte des Yoga sind noch nie so viele neue Ansätze entstanden wie in den letzten 10 Jahren. Mit der klugen Lehre, die Patanjali vor 2000 Jahren im Yogasutra zusammenfasste, hat das immer weniger zu tun. Die Szene orientiert sich an den Regeln des Kapitalismus mit schlechten Arbeitsbedingungen, Kampf und Verdrängung. Jeder der abends nach einem stressigen Arbeitstag seine Yogamatte in einem der angesagten Studios in Berlin Mitte, Kreuzberg oder Charlottenburg auslegen will, wird den Kampf um die Plätze am eigenen Leib spüren, da der Raum nicht wirklich Platz für alle Yogis bietet. Wahrscheinlich liegt es daran, dass in dem Studio ab und zu irgendwelche B-Promis aus Vorabendserien oder Klatschspalten auftauchen, wodurch die überhöhten Preise von bis zu 25 € pro Stunde und Yogi teilweise erklärt werden können. Kaum ein Zentrum will und kann sich an die ursprüngliche Idee der Bezahlung auf Spendenbasis halten.

Die Studios befinden sich im ständigen Wettbewerb, so wie wir es von Kneipen, Schuhgeschäften oder Fluggesellschaften kennen. Die Spiritualität hat sich bei der Mehrheit der Anbieter schon lange verabschiedet. Der eine will einfach nur überleben und vielleicht irgendwann mal anfangen seine Schulden abzuzahlen, der andere weiterhin seine Weihnachtsferien mit der ganzen Familie im teuren Luxusresort mit Privatstrand in Fernost verbringen. In den Schickimickistudios legen die Besucher Wert auf Einrichtung und Design und den Halbpromi, der ab und zu neben einem liegt. In den eher traditionellen Studios ist der jeweilige Lehrer die Hauptattraktion und verantwortlich für die Anzahl der Teilnehmer; die Einrichtung ist hier nicht so perfekt und professionell gestaltet, dafür bezahlt man auch nur die Hälfte und hat ausreichend Platz. Der Wettbewerb lebt, auch jenseits des Unterrichts und der Inneneinrichtung. Einige Studios werben mit Sauna, Spa und Wellness und erinnern immer mehr an ein Fitnessstudio oder Luxushotel. Die meisten verkaufen auch Yogakleidung, biologische Matten, Bücher und DVDs. Viele bieten Yogareisen mit Urlaubscharakter an. Der Überlebenskampf ist hart. Die Gesetze der Marktwirtschaft bestimmen das Handeln der Beteiligten. Yoga und seine Vermittlung treten immer mehr in den Hintergrund. Beruhigend, dass es noch genug Zentren gibt, die sich dem totalen Kommerz verweigern.

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Autor: Alexandru Sandbrand-Nisipeanu

Der Autor ist Journalist und Blogger

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