Filmtipp: Zen for Nothing

18.10.2016 | Rubrik: Bücher + Filme

Eine junge Frau aus der Schweiz verbringt ein knappes halbes Jahr in einem japanischen ZEN-Kloster, das völlig abgelegen und einsam in den Bergen an der Westküste der Insel liegt. Der Regisseur Werner Penzel, bekannt für seine poetischen Dokumentationen, begleitet sie dabei. Die Musik kommt wie so oft in Penzels Filmen vom Free-Jazzer Fred Frith.

Normalerweise sollte man für die Aufnahme im buddhistischen Kloster Antaiji mindestens drei Jahre intensive ZEN-Praxis nachweisen können. Regisseur und Kameramann Werner Penzel konnte das natürlich und für seine Protagonistin, die Schauspielerin Sabine Timoteo aus Bern, machte das Kloster eine Ausnahme. Das Zen-Kloster Antaiji nimmt traditionell nur Männer auf und liegt versteckt in den Bergen an der Westküste Japans; die Metropole Osaka liegt vier Stunden oder 180 km entfernt. Schon die Treppe hinauf zum Kloster Antaiji ist steil und steinig. Das Kloster versorgt sich selbst, was ein gehöriges Mass an Planung und Organisation voraussetzt. Rituale und Tagesabläufe sind genau vorgegeben; ZEN verlangt von den Praktizierenden eine Menge Disziplin. Auf der anderen Seite machen die Bewohner zusammen Musik, manche rauchen und auf den Festen wird gejammt und von Zeit zu Zeit Alkohol getrunken. Über W-Lan haben sie Zugang zu Email und Internet und den sozialen Netzwerken. Penzel zeigt den Tagesablauf in den verschiedenen Jahreszeiten: vom frühen Aufstehen über die langen und oft schmerzvollen Zazen-Mediationen bis zum gemeinsamen Zubereiten der Mahlzeiten und des Holzhackens für den kalten und schneereichen Winter; im Frühjahr wird der Reis gepflanzt. So passt sich das Leben der Mönche den Jahreszeiten und dem Ziel der Selbstversorgung an.

In allen Tätigkeiten schimmert die Idee der Achtsamkeit durch, die in einem ZEN-Kloster natürlich nicht explizit angesprochen werden muss. Immer wieder das lange Sitzen vor einer weissen Wand. Die Zazen-Meditation ist ein wichtiger Teil des ZEN-Buddhismus genauso wie die klassischen Essensrituale. Werner Prenzel bleibt mit seinem Film im Fluss, er verspricht nichts, bewertet und urteilt nicht. Ganz im Sinne der ZEN-Philosophie. Wieder einmal liefert er grossartige und für sich selbst sprechende Bilder, die den Klosteraufenthalt der jungen Schweizerin auf fesselnde Art beschreiben. Das überrascht nicht sonderlich, hat er doch zusammen mit Nicolas Humbert schon vor 20 Jahren die Road-Doku In the Middle of the Moment gedreht und damit das Cinepoem geboren. Das Meisterwerk beschreibt nomadisches Leben an verschiedenen Orten der Welt und ist an Schönheit, Leichtigkeit und Poesie kaum zu überbieten. Zuvor hatten die beiden mit dem ebenso poetischen Portrait des Jazzers Fred Frith verdientermassen den Bundesfilmpreis gewonnen. Bei Zen for Nothing sorgt der geniale Free-Jazzer und Tonkünstler Fred Frith erneut für den Soundtrack. Alles in allem ein wunderbarer und einzigartiger Film, der gerne noch ein paar Stunden länger dauern könnte und eine absolute Empfehlung.

Der Film ist noch in ausgewählten Kinos zu sehen und schon auf DVD zu haben. Feines Kino!

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Autor: Alexandru Sandbrand-Nisipeanu

Der Autor ist Journalist und Blogger

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