Esoterischer Gefälligkeitsjournalismus

30.09.2016 | Rubrik: Allgemein

Die Kolumne im Berliner esoterischen Werbeblatt KGS beklagt die Vermarktung von Spiritualität bei Aldi und übersieht dabei den riesengrossen Balken im eigenen Auge. Denn KGS und die überwiegende Mehrheit der Kollegen betreibt bestenfalls kommerzielle Esoterik und hat sich schon seit längerem von Spiritualität und Journalismus verabschiedet.

Als ich vor wenigen Jahren die ganzheitliche Plattform www.rueckzug.com ins Leben rief, freute ich mich auf eine Szene, die noch relativ frei von den üblichen kommerziellen Gepflogenheiten sei. Dazu rechnete ich auch die alternativen Internetsender, die selbstbewusst mit unabhängiger Berichterstattung warben. Heute, nach knapp 4 Jahren, sehe ich einen Kosmos, der wie fast die ganze Welt ausschliesslich von den Regeln der Marktwirtschaft bestimmt wird. Am schlimmsten ist es bei den Printmedien: die Redaktionen sind praktisch zu 100% in der Hand ihrer Anzeigenkunden. Die Blätter werben sogar mit Inseraten im redaktionellen Teil, was laut Pressecodex ein absolutes NoGo ist. Dieses NoGo als Marketingmittel anzubieten ist schon ganz schön dreist. Letztlich tun es aber praktisch alle, von der Yogazeitschrift XY bis zu den esoterischen Werbeblättern in München, Berlin und Hamburg. Bei den alternativen Internetsendern ist das Bild genauso erschreckend: hier dominieren medizinische Scharlatane, Antisemiten, braune Esoteriker und Verschwörungstheoretiker. Gerne übernehmen sie das Design der öffentlichen-rechtlichen Nachrichtensendungen, betonen ihre Unabhängigkeit und kritisieren Mainstreammedien und Lügenpresse. Eingeladen wird natürlich nur, wer dieselbe Meinung hat und so gaukelt man sich und den Zuschauern vor, die Mehrheit zu sein und die Wahrheit zu repräsentieren. Und oft sind es die, die in den Internetsendern die Mainstreammedien kritisieren und sich gleichzeitig in den esoterischen Printmedien durch teure Anzeigen positive redaktionelle Beiträge erkaufen. Wer regelmässig Anzeigen schaltet, erscheint grundsätzlich in einem positiven Licht. Der Pressecodex wird mit Füssen getreten.

Einer der guten und verlässlichen Anzeigenkunden ist der holländische Musiker Lex von Someren, der gezielt in den Printmedien für seine Konzerttourneen wirbt und auch bei braunen Esoterikern gut angesehen ist. Er spielt heute vor Nazis und morgen in liberalen Kirchengemeinden und keiner stört sich daran.

YogaVidya ist ein gemeinnütziger Verein und im Preis-Leistungsverhältnis schwer zu toppen. YogaVidya bietet verschiedene Retreats und Ausbildungen zum Yogalehrer zu wirklich günstigen Preisen an und ist mit Abstand der beste Anzeigenkunde der Szene. Das aggressive Marketing entspricht überhaupt nicht der Idee eines gemeinnützigen Vereines. So kommt YogaVidya fast steuerfrei über die Runden. Das kleine Yogastudio um die Ecke muss ganz normal die verschiedensten Steuern bezahlen und hat keine Chance an die attraktiven YogaVidya-Preise ranzukommen. Was für eine Ungerechtigkeit! Diese schreit zwar zum Himmel, ist aber in den ganzen Yogazeitschriften kein Thema, obwohl es eigentlich auf der Hand liegt. Man will seinen besten Anzeigenkunden nicht verlieren.

Das Coaching Portal Human Trust wird von einigen Bestsellerautoren betrieben und ist mit 400 € Grundbetrag im Jahr eher hochpreisig, besonders weil man für viele Kurse noch extra bezahlen muss. Die meisten der bei Human Trust beteiligten Autoren sehen NLP als Teil ihres Marketings an und qualifizieren sich vor allem durch hohe Auflagen. Trotzdem liest man fast ausschliesslich positive Bewertungen in den esoterischen Medien und keiner weiss, ob es an den zahlreichen Anzeigen oder am lukrativen Partnerprogramm des Coaching Portals liegt.

Rüdiger Dahlke propagiert in den sozialen Netzwerken das Bedingungslose Grundeinkommen, beklagt sich aber gleichzeitig über die hohen Steuersätze in Deutschland und Österreich und zieht in die Schweiz, wo er deutlich weniger Abgaben zahlen muss und sogar Mitspracherecht bei der Höhe des Steuersatzes hat. Jeder weiss, dass das zumindest paradox ist und keinen interessiert´s! Im Gegenteil, das Schweizer Magazin Spuren, eigentlich die beste Zeitschrift in der Szene, gibt ihm sogar noch eine Plattform für diese nicht gerade rühmliche Geschichte.

Kritische Berichterstattung findet man höchstens ausserhalb der Szene in den Mainstreammedien bei Spiegel, Zeit oder Freitag; in der esoterischen Medienlandschaft ist das alles kein Thema. Man könnte dadurch Anzeigenkunden verlieren.

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Autor: Alexandru Sandbrand-Nisipeanu

Der Autor ist Journalist und Blogger

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