Kloster auf Zeit

04.08.2016 | Rubrik: Allgemein

Kloster auf Zeit klingt besser und einfacher als es letztlich ist. Die grosse Magie des Klosterlebens in unserem Kulturkreis besteht auch darin, dass sich Männer und Frauen für ihr ganzes Leben entschieden haben und nicht nur für drei Tage, drei Wochen oder drei Monate.

Der Gedanke an Kloster auf Zeit geht immer mehr Menschen in schweren Lebensphasen als mögliche Alternative durch den Kopf. Wenn die ganze Situation problematisch, die Beziehung kaum zu ertragen ist oder einem alles über den Kopf wächst, dann sehnt man sich nach einem Klosteraufenthalt: ein paar Tage, ein paar Wochen oder ein paar Monate. Der richtige Schritt ins christliche Kloster und das dazugehörige Zölibat, beides eigentlich für das ganze Leben, sind für viele weltliche Menschen zu endgültig und bedrohlich. Gleichzeitig strahlen Klöster besonders auf gestresste Männer und Frauen im Hamsterrad eine besonders grosse Faszination aus. Wäre da nicht das Endgültige in einer Zeit, in der man uns vorgaukelt alle Möglichkeiten immer offen zu haben. Buddhistische Klöster sind da grosszügiger und laden Menschen für eine bestimmte Zeit ein, um Trauerarbeit zu leisten, Lebensentscheidungen zu verarbeiten, sich selbst besser kennenzulernen oder ähnliches. Man akzeptiert die Regeln des Klosters für diese Zeit und hat die Möglichkeit später in sein weltliches Leben zurückzukehren. Diese Art von Kloster auf Zeit hat in den christlichen Ordensgemeinschaften keine grosse Anhängerschaft, die meisten Brüder und Schwestern empfinden dieses Klosterleben-Light als nicht erstrebenswert. Dennoch haben einige Häuser in letzter Zeit verschiedene Schnupper- und Testangebote im Sinne von Kloster auf Zeit im Programm, was hauptsächlich den grossen Nachwuchssorgen der Ordensgemeinschaften geschuldet ist. Bei längeren Aufenthalten können die Besucher auch in die Arbeitsprozesse wie zum Beispiel in der Küche oder im Garten eingebunden werden. Manche bieten unter diesem Namen Aufenthalte zur Burnout Prävention an. Gestresste Manager geben an der Klosterpforte Handy, Kreditkarte und ständige Erreichbarkeit ab und verbringen ein paar achtsame und entschleunigte Tage, schweigend und mit reduziertem Komfort. Sie nehmen an den gemeinschaftlichen Mahlzeiten und Gottesdiensten teil. Fast alle fühlen sich danach besser; so einfach kann es sein. Leider geht für die meisten nach den paar Tagen der Auszeit der ganz normale Wahnsinn einfach weiter. Nächstes Jahr gehen sie dann auf eine Yogareise oder machen einen Wellnessurlaub mit Entspannungsprogramm.

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Autor: Alexandru Sandbrand-Nisipeanu

Der Autor ist Journalist und Blogger

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