Die Faszination des Klosterlebens II

17.08.2016 | Rubrik: Allgemein

Die Begeisterung, die der Gedanke an ein Leben im Kloster bei vielen auslöst, ist ungebrochen. Dabei ist der Unterschied zwischen einem weltlichen Leben und einem Leben im Konvent heute so gross wie nie zuvor.

Die Faszination des Klosterlebens 1

Im Fernsehen erreichen Serien und Spielfilme mit Klosterbeteiligung oder Klosteraufenthalt die höchsten Einschaltquoten und trotz dieser breiten Faszination stehen viele dieser Häuser vor grossen Problemen. Still und leise werden Klöster aus finanziellen Gründen geschlossen, die auf bis zu tausend Jahre Tradition zurückblicken. Mehrere Ordensbrüder sind fast ausschliesslich mit der Abwicklung dieser oft historischen Häuser beschäftigt, was für alle Beteiligten schmerzhaft und traurig ist; Tränen fliessen. Obwohl die Kirchen nach dem öffentlichen Dienst mit über einer Million Beschäftigten der zweitgrösste Arbeitgeber in Deutschland sind, haben Ordensgemeinschaften grosse Nachwuchsprobleme. Der Altersdurchschnitt liegt meistens bei deutlich über 60 Jahren. Novizen leben hauptsächlich mit der Generation ihrer Grosseltern zusammen. Und trotzdem trifft man in der Diskussion darüber praktisch nie auf Schwarzmalerei, sondern eher auf kreative und kritische Auseinandersetzung mit der Realität. Das ist sicherlich auch ein Grund für die so grosse Bewunderung von aussen, obwohl der Unterschied zwischen den beiden Welten noch nie so gross war wie heute. Auf der einen Seite ein Leben mit nicht aufhören wollenden Vergnügungen und Konsum auf Knopfdruck sowohl ständiger Erreichbarkeit mit Smartphone und Internet. Auf der anderen ein kontemplatives Leben in Stille und Abgeschiedenheit mit festen Gebetszeiten. Kein Wunder, dass trotz grosser Faszination immer weniger den Schritt, der definitiv sein sollte, wagen.

Einige Ordensbrüder haben einen gewissen medialen Status erreicht. Der Benediktinerpater Anselm Grün aus Münsterschwarzach ist Bestsellerautor und Anselm Bilgri hat das Kloster Andechs verlassen, arbeitet in München als Unternehmensberater und ist gern gesehener Gast in Fernsehtalkshows. Bilgri propagiert mehr Durchlässigkeit im Ordensleben: Menschen sollten sich wie in Asien für eine begrenzte Zeit für das Klosterleben entscheiden können. Die lebenslange Verpflichtung ist für ihn nicht mehr zeitgemäss. Ein Grossteil seiner früheren Brüder und Schwestern widerspricht ihm da ganz vehement; für sie wäre das eine Verwässerung der kontemplativen Tradition.

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Autor: Alexandru Sandbrand-Nisipeanu

Der Autor ist Journalist und Blogger

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