Die Faszination des Klosterlebens I

09.08.2016 | Rubrik: Allgemein

Schon beim Betreten eines in seiner Tradition lebenden Klosters, Konvents oder Stifts kann man es fühlen und spüren: der Atem wird ruhiger, die Uhren schlagen anders, Achtsamkeit stellt sich ein. Und doch stehen viele dieser kontemplativen Häuser vor grossen Herausforderungen.

Gerade die katholischen Ordensgemeinschaften werden bei uns entweder als spirituelle Lebensgemeinschaften mit Kräutergarten und Biobrauerei idealisiert oder aufgrund zurückliegender Missstände mit generellem Unverständnis gesehen. In der Realität repräsentieren diese Häuser eine grosse Vielfalt. Mit Gehirnwäsche oder Fundamentalismus hat die gemeinsame Lebensordnung nach Meinung seiner Bewohner nichts zu tun. In den meisten Häusern herrschen eher Toleranz und Freiheit der Gedanken als Engstirnigkeit, trotz fester Regeln, Schweigezeiten und Gebetsplan. Normalerweise wird hier nachhaltig gearbeitet: Die Produkte sind fair gehandelt; Strom aus regenerativer Energie, Photovoltaik und solarthermische Anlagen sind meistens Standard. Der Tagesrhythmus richtet sich nach den Gebetszeiten und Gottesdiensten. Der erste findet morgens vor dem Sonnenaufgang statt und der letzte nach dem Abendessen. Die Mahlzeiten werden gemeinsam und schweigend eingenommen. Dazwischen liegen unter anderem Zeiten für die persönliche Lektüre und die natürlich unentgeltliche Arbeit. Nach 20 Uhr beginnt die Zeit der Stille und Nachtruhe.

Die wirtschaftliche Situation der einzelnen Häuser ist sehr unterschiedlich. Manche stehen finanziell sehr gut da, einige kämpfen ums nackte Überleben. Klöster profitieren nicht von der Kirchensteuer, sie finanzieren sich aus Spenden und Pachteinnahmen. Bei grösseren Ausgaben wie Renovierungen oder Umbauten können die jeweiligen Bundesländer, Fördervereine oder die Landeskirche unterstützend eingreifen. Nonnen und Mönche bekommen weder Gehalt noch Rente, sind aber krankenversichert. Externe Honorare und Verdienste gehen direkt an die Gemeinschaft. Sie haben im Alter Kost, Logis und die persönlichen Notwendigkeiten frei. Die Gemeinschaft sorgt das ganze Leben für die Brüder und Schwestern. Auch das muss irgendwie bezahlt werden. Einige Klöster bieten Klosterurlaub an, versuchen sich als Hotel, Kurhaus, Seminarzentrum, renovieren und bauen Gästehäuser. Für diese tiefgreifenden strukturellen Veränderungen haben die Kirchen eigene Unternehmensberater, die dem Konvent, Kloster oder Stift in solchen Situationen an die Seite gestellt werden. Die Projekte müssen professionell und betriebswirtschaftlich geführt werden, auch wenn der kontemplative Geist im Hintergrund stehen sollte. Nicht immer sind alle Brüder und Schwestern von solchen Geschäftsplänen begeistert. Viele wünschen sich die Gemeinschaft ärmer, spiritueller und interaktiver. Sie seien nicht in den Orden eingetreten um Manager zu werden oder zu funktionieren. Natürlich wissen Sie, dass der wirtschaftliche Druck real ist, auch wenn er nicht im Mittelpunkt steht.

Die Faszination des Klosterlebens 2

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Autor: Alexandru Sandbrand-Nisipeanu

Der Autor ist Journalist und Blogger

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