Buchtipp: Wie ein Fremder im Paradies

24.08.2016 | Rubrik: Bücher + Filme

In Wie ein Fremder im Paradies beschreibt Florian Palzinsky alias Samanera Pajalo seine Jahre als budhistischer Mönch auf Sri Lanka. Mit viel Wohlwollen und ohne Pathos gewährt er dem Leser Einblicke in das Leben auf der Insel und in seine Seele. Empfehlenswert!

Ich kann sie nicht mehr lesen die Geschichten der werbewirksamen Wandlungen zur Spiritualität. Vom erfolgreichen Investmentbanker zum Lebenscoach, von der gefragten Hollywoodschauspielerin zur angesagten Yogaunternehmerin oder vom Fabrikanten zum Betreiber eines meditativen Hauses. Alle diese Geschichten aus den esoterischen Hochglanzmagazinen und Klatschspalten sind so eingängig und hoffnungsvoll und halten meistens nicht einmal den zweiten Blick darauf oder den Anfang einer Recherche aus. Die Welt lässt sich halt nicht so leicht in gut und böse, in richtig und falsch oder in schuldig und unschuldig einteilen, obwohl viele unserer geschäftstüchtigen esoterischen Buchautoren uns das vermitteln wollen. Diesen Weg geht Florian Palzinsky in seinem Buch Wie ein Fremder im Paradies bewusst nicht. Das Werk besteht aus einer Ansammlung von Essays, die alle mit Florian und seiner Zeit als Mönch auf Sri Lanka zu tun haben. Es geht um den Reiz der Einsamkeit und die Perfektion der unberührten Natur, um die hohen Selbstmordraten auf der Insel und die Zeit als Meditationslehrer im Hochsicherheitstrakt eines Gefängnisses. Der über Jahrzehnte andauernde Bürgerkrieg zwischen Tamilen und Singhalesen ist genauso Thema wie seine Begegnungen mit den Ureinwohnern von Sri Lanka, denen man schon seit geraumer Zeit ihre Lebensgrundlage genommen hat. Florian schreibt subjektiv, da es wie fast immer im Leben auch hier nicht nur eine Wahrheit gibt.

Florian Palzinsky verbringt seine Jugend im beschaulichen Salzkammergut in einem liebevollen und anregenden Elternhaus ohne materielle Nöte. Er beschliesst 1992 mit Anfang Zwanzig sein Leben als buddhistischer Mönch in Thailand und Sri Lanka fortzusetzen und nimmt den Mönchsnamen Samanero Pajalo an. Als er nach Sri Lanka kommt, tobt gerade ein grausamer Bürgerkrieg zwischen den buddhistischen Singhalesen und den hinduistischen Tamilen. Er findet sein Heimatkloster bei den Singhalesen in der ehemaligen Hauptstadt Kandy in der Inselmitte und beginnt seine spirituellen Ausflüge zu abgelegen heiligen Orten, wo er viele Tage alleine und meditierend verbringt. Manchmal kommen wilde Tiere zu Besuch, aber keine Menschen. Florian geniesst Wildnis, Stille und Einsamkeit, die ihm paradiesischer vorkommen als die weissen Strände mit Palmen und die berühmten Tempelanlagen, zu denen es die Besucher normalerweise zieht. Auch seine Gespräche und Expeditionen in den Urwald mit einem befreundeten Anführer der Ureinwohner Adhivasi sind superspannend und gut erzählt. Die Art, wie den Adhivasi auf Sri Lanka die Lebensgrundlage entzogen wurde, gleicht der in Brasilien, USA, Australien und vielen anderen Orten auf unserer zivilisierten Welt. Irgendwann landet Florian bei den zum Tode Verurteilten im Hochsicherheitstrakt eines Gefängnisses und initiiert dort eine Meditationsgruppe. Jenseits der Frage nach Schuld oder Nicht-Schuld beschreibt er die Situation, geht auf den einen oder anderen Insassen ein und verdeutlicht, wie positiv sich die regelmässige meditative Praxis auf die Mehrzahl der teilnehmenden Häftlinge auswirkt. Wie sehr sie näher bei sich sind und ihre eigene Würde in Teilen wiedergewinnen. Obwohl wie überall auf der Welt in Ländern mit Todesstrafe viel zu viele Unschuldige in diesen unmenschlichen Zellen sitzen, hat die Mehrheit der Teilnehmer in Florians Mediationsgruppe mindestens ein Schwerverbrechen begangen. Wie er das beschreibt, ist wirklich sehr bewegend. Am Ende besucht Florian noch den Norden der Insel, der vom viel zu langen und grausamen Bürgerkrieg am meisten betroffen war und er erzählt von dem Konflikt zwischen Singhalesen und Tamilen, zwischen der Armee und den Rebellen der LTTE, den Tigern. Fast immer kommt der Autor ohne Spektakuläres aus; gerade deshalb haben mich viele dieser kleinen Geschichten sehr bewegt. Ein absoluter Geheimtipp für sich selbst oder für Leute, die man gern hat.

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Autor: Alexandru Sandbrand-Nisipeanu

Der Autor ist Journalist und Blogger

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