Pilgern – nicht schnell aber nachhaltig II

19.07.2016 | Rubrik: Allgemein

Das schnelle Glück gibt es beim Pilgern nicht. Die Suche nach Ruhe und Stille, Achtsamkeit und Entschleunigung braucht vor allem Zeit. Dafür funktioniert diese Form der meditativen Auszeit aussergewöhnlich gut.

Pilgern – nicht schnell aber nachhaltig Teil 1

Das Problem der Kommerzialisierung, das einige andere ganzheitliche Bereiche haben, ist beim Pilgern noch nicht so recht angekommen. Obwohl die Bedeutung von meditativer Auszeit ständig steigt, gibt es beim Pilgern praktisch keine Lobby. Mit Pilgern ist noch niemand reich geworden, mit Lebensberatung und veganen Kochbüchern schon. Sogar beim Klassiker, dem französischen Jakobsweg, gibt es zwar jede Menge mehr oder weniger komfortabler Herbergen und auch genug Restaurants an der Strecke, aber es sind meistens Familienbetriebe, keine Ketten. Trotzdem nimmt die Zahl der Pilgerwege, die bei uns in letzter Zeit reaktiviert wurden, zu. Allein in Franken verlaufen etwa 10 verschiedene Jakobswege, die ohne Freiwilligenarbeit nicht mehr existieren würden. Man benötigt bezahlbare Quartiere für die Übernachtung, die Büros für die Pilgerstempel, die Wege müssen markiert und regelmässig kontrolliert werden. Die Kirchen auf dem Weg sind gute Orientierungspunkte und beteiligen sich aus spirituellen Gründen. Sie sind aber mit der Pflege trotz freiwilliger und unbezahlter Unterstützung aus der Kirchengemeinde überfordert. Auch die Kommunen helfen bei der Instandhaltung und erhoffen sich einen grösseren Bekanntheitsgrad und langfristig etwas mehr Tourismus. Richtig wirtschaftlich ist das alles nicht und ohne das ehrenamtliche Engagement der verschiedenen Beteiligten wären die Wege schon längst verwahrlost und man hätte nicht genug Übernachtungsmöglichkeiten. Die Pilgerwege sind ein gutes Beispiel dafür, was Gemeinschaft bewirken kann und wie gut aktive Kirchengemeinden unserer Gesellschaft tun können.

Die meisten dieser Wege befinden sich in touristisch noch nicht so ganz entwickelten Regionen, die zweifellos viel Potential haben. Hin und wieder schaffen es Pilgerwege in die Medien zu kommen, auch ins öffentlich-rechtliche Fernsehen, da sie gemeinschaftlich und praktisch ohne finanzielle Interessen betrieben werden. Das weckt Begehrlichkeiten bei Stadtplanern und Tourismusbüros. 1517 veröffentlichte Martin Luther seine Thesen und so wird im nächsten Jahr 500 Jahre Reformation begangen. Die beiden Lutherstädte Eisleben und Wittenberg liegen etwa 100 km voneinander entfernt und planen sich zu diesem Jubiläum per Pilgerweg zu verbinden. Natürlich erhält so eine Aktion, auch wenn sie ganz offensichtlich touristisch motiviert ist, grosse mediale Aufmerksamkeit. Mit grosser Wahrscheinlichkeit wird dieser Lutherpilgerweg 2018 wieder vergessen sein und das Ganze wird zur Provinzposse von zwei entzückenden Städten, die auch andere Möglichkeiten gehabt hätten ihren Bekanntheitsgrad zu erhöhen. Neue Pilgerwege sind nur bedingt sinnvoll; wichtiger ist es die bestehenden zu erhalten und zu pflegen. Nachhaltiger sind die Pilgerangebote der Klöster, die gerade in letzter Zeit von den verschiedenen Ordensgemeinschaften angeboten werden. Man kann sich im Kloster einquartieren, an den morgendlichen und abendlichen Zeremonien teilnehmen und tagsüber die Wege der Region begehen oder man pilgert von Kloster zu Kloster und übernachtet dort.

Hat Ihnen dieser Artikel gefallen?

Dann abonnieren Sie unseren Rueckzug.com Jahreszeiten-Newsletter (4 mal pro Jahr).

Autor: Alexandru Sandbrand-Nisipeanu

Der Autor ist Journalist und Blogger

©2018 rueckzug.com aktuell - Kontakt - Impressum - Datenschutzerklärung