Pilgern – nicht schnell aber nachhaltig I

12.07.2016 | Rubrik: Allgemein

Es gibt viele verschiedene Möglichkeiten der Kontaktaufnahme mit sich selbst. Pilgern gehört sicherlich nicht zu schnellen und einfachen Varianten dieser Form der Selbstheilung. Dafür ist es sehr wirksam und vor allem nachhaltig.

Es gibt Hunderte Lebenscoache und Berater, die mit Büchern und Lernprogrammen, Seminaren und Vorträgen Leser und Zuhörer auf den schnellen Weg zu Glück, Schönheit, Liebe, Zufriedenheit, Erfolg und so vieles mehr bringen wollen. In der Regel kann das Leben nach dem esoterischen Briefing normal weitergelebt werden, die schnellen Übungen werden in den Alltag eingebaut. Nach dem dritten Versuch und ein wenig Selbstreflexion erkennt man, dass es sich ein paar Tage lang ganz gut angefühlt hat, aber letztlich Alles beim Alten geblieben ist. Im Gegensatz zu diesen Heilsbringern verlangt die Pilgerreise deutlich mehr und vor allem etwas, was den meisten zumindest gefühlt fehlt: ZEIT. Wer Zeit und Energie aufbringt, um ohne Smartphone zu Fuss von München nach Rom zu gehen, kann davon ausgehen, dass die Entschleunigung sich irgendwann wie von selbst als Begleiter einstellen wird. Einige rennen vorher in den schicken Expeditionsladen und kaufen sich die beste Outdoor- und Funktionskleidung, den leichtesten Schlaf- und Rucksack und die bequemsten Treckingschuhe. Sie laden sich die neueste Pilger-App auf ihr Smartphone und übersehen, dass sie sich von ihrem eigentlichen Ziel entfernen: es geht um Loslassen und Entschleunigung, nicht um Konsumieren. Funktionskleidung und Smartphone haben nichts mit Sinnsuche und Entschleunigung zu tun. Während Berater und Lebenscoache einfache und schnelle Hilfe gegen Geld versprechen, kostet Pilgern hauptsächlich Zeit, einfach nur Zeit. Zu den angenehmen Begleitumständen gehört, dass sich mit zunehmender Dauer Qualitäten wie Ruhe und Stille und das Gefühl in seiner eigenen Mitte angekommen zu sein, immer mehr in uns ausbreiten und für eine gute Zeit zu einem sehr willkommenen Begleiter werden.

Oft wollen Menschen wissen, was der Unterschied zwischen Pilgern und Wallfahrt ist. Beides sind religiös motivierte kontemplative Aktivitäten in Bewegung. Pilgern ist wegorientiert, der Weg ist also das Ziel; Wallfahrt ist zielorientiert, man hat zum Beispiel eine bestimmte Kapelle als Ziel der Wallfahrt im Blick. Hier sind ganz offensichtlich Überlappungen möglich und trotzdem ist diese Definition recht hilfreich. Beim Wandern fehlt nur der religiöse Aspekt und gerade deshalb können auf einem bestimmten Weg alle drei Begriffe greifen; es kommt auf die subjektive Sichtweise an. Wenn man die Tour eher sportlich angeht, ist Wandern der geeignete Begriff; wenn ich mir in der Kapelle am Ende der Reise Hilfe für mich oder meine Liebsten erhoffe, ist es eher eine Wallfahrt und wenn ich auf dem Weg Klarheit und Sinn will, trifft der Begriff Pilgern am besten. Die Grenzen und Übergänge sind fliessend.

Pilgern – nicht schnell aber nachhaltig Teil 2

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Autor: Alexandru Sandbrand-Nisipeanu

Der Autor ist Journalist und Blogger

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