Pilgern. der leise Weg zu sich selbst

23.06.2015 | Rubrik: Allgemein

Pilgern ist eine der Möglichkeiten zur Begegnung mit Gott und sich selbst. Es beinhaltet Stille, Achtsamkeit, Entschleunigung und Kontemplation. Wer die Herausforderung annimmt, hat den ersten grossen Schritt auf dem Weg zu sich selbst schon getan.

Gepilgert wird schon seit Jahrtausenden und trotzdem war diese Form der Kontemplation und wichtige religiöse Tradition in unserem Kulturkreis fast in Vergessenheit geraten. Den ersten Aufschwung gab es vor 40 Jahren, als das Wirtschaftswunder ein wenig abflachte und die Sinnfrage sich öfter zu Wort meldete. Der Papst brachte den Wallfahrtsort Santiago de Compostela durch seinen Besuch und Aufruf zur Wahrung dieser Tradition aus der Vergessenheit und der Komiker Hape Kerkeling ging auf diesem Jakobsweg und beschrieb seine Erfahrungen vor 10 Jahren in dem millionenfach verkauften Bestseller „Ich bin mal kurz weg“. Seitdem ist der Begriff wieder in aller Munde: ARD und ZDF schicken ihre Moderatoren zum Pilgern und machen Sendungen daraus, Unternehmen Ihre Geschäftsleitung, Eheberater ihre zerstrittenen Klienten und die Touristikbranche erfindet den Pilgerurlaub. Die Überschneidungen mit dem Thema Wandern sind recht gross, genau wie die Unterschiede: das eine ist eine sportliche Aktivität oder Freizeitgestaltung und das andere ein spiritueller Weg.

Nach der Definition ist jeder Pilger-Weg, der nach Santiago führt ein Jakobsweg und so sind in den letzten Jahren allein im deutschsprachigen Raum weit über 100 Jakobswege entstanden; man hat von jedem beliebigen Ort in Deutschland nie mehr als 50 km um auf den nächsten Jakobsweg zu stossen. Viele dieser Wege sind Gemeindeprojekte oder von christlichen Regionalverbänden gepflegt, also nicht primär kommerziell orientiert. Oft geht man alleine oder in der einzigen Gruppe und entsprechend ist die Infrastruktur nicht immer perfekt; das ist auch nicht Sinn und Zweck einer Pilgerreise. Der Klassiker ist der von Hape Kerkeling gegangene Camino Frances, der in den französischen Pyrenäen beginnt und in 30 Etappen und 800 km bis nach Santiago de Compostela führt. Über 150 Tausend Menschen gehen den bekanntesten europäischen Pilgerweg jedes Jahr, so dass in den warmen Monaten schon mal viel Verkehr auf der Strecke herrscht und die Herbergen knapp werden; aber irgendwie kommt jeder Pilger noch unter. Um das begehrte Zertifikat Compostela zu erhalten müssen die letzten 100 km über Herbergsstempel im Pilgerausweis nachgewiesen werden. Auf den letzten 100 km hat sich der Tourismus mit Hochglanzprospekten, die für diese Tage All-Inclusive-Pakete mit komfortablen Unterkünften, Verpflegung mit regionalen Spezialitäten und Weinen, Gepäcktransport, Begleitfahrzeug, Pilgerausweis und Pilgerurkunde werben. Die eigentliche Idee des Ganzen ist bei dieser Art von esoterischem Tourismus etwas verloren gegangen. Für alle echten Pilger sind die zahlreichen Jakobswege in Deutschland, Österreich und der Schweiz gute Optionen.

Die katholische Tradition Pilgern steht in direktem Zusammenhang mit Kontemplation, Stille und Achtsamkeit. In den letzten 100 Jahren hat sich die evangelische Kirche immer mehr in die Pflege dieses religiösen Brauchtums eingebracht. Heute haben beide grossen christlichen Kirchen zahlreiche Pilgerbeauftragte, kommunal, regional oder auf Bundesebene, die Vorträge halten, Pilgerreisen anbieten und Pilger bei ihrer Reiseplanung unterstützen. Ein zentraler Punkt bei der Vorbereitung ist die klassischen W-Fragen mit sich selbst zu klären: wo – woher – wohin – wie – wer – was. Die Frage WAS soll ich mitnehmen wird gerne in den Outdoorläden mit teurer Multifunktionskleidung beantwortet; die Antwort könnte aber auch bequeme Schuhe und einen nicht zu schweren Rucksack lauten. Bereitschaft und innere Einstellung sind wichtiger als die perfekte Kleidung. Bei manchen Pilgerreisen wird morgens und abends geschwiegen: das Schweigen ist das Einzelzimmer des Pilgers. Die Pilgerbeauftragten der jeweiligen Kirchen sind gute Anlaufstationen bei Fragen und Zweifeln zu Planung und Vorbereitung. Viele von ihnen organisieren ihre eigenen Pilgerreisen. Da ist der Pilger in der Regel in besseren Händen als bei einem kommerziellen Anbieter.

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Autor: Alexandru Sandbrand-Nisipeanu

Der Autor ist Journalist und Blogger

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