Das richtige Yogastudio

03.03.2015 | Rubrik: Yoga

Am Anfang steht die Frage: Will ich nur besser funktionieren oder will ich mein Leben ändern? Fürs bessere Funktionieren reicht der Yogakurs im Fitnessstudio. Das gilt auch für Tai-Chi und Qi Gong.

Inzwischen ist Yoga soweit in der Mitte unserer Gesellschaft angekommen, dass die Sekretärin zwischen Feierabend und Nagelstudio noch schnell ins angesagte Yogastudio geht um an ihrem seelischen und körperlichen Gleichgewicht zu arbeiten. Es stört sie auch nicht wirklich, dass der Raum überbelegt ist, denn von Zeit zu Zeit nimmt sogar ein Schauspieler aus dem Fernsehen an der Stunde teil, was die deutlich überteuerten Preise dieses überfüllten Zentrums erklärt. Ausserdem wird der Besitzer immer wieder im TV und in Yogazeitschriften interviewt. Wahrscheinlich denkt sie, dass André Rieu und David Garrett die besten Geiger der Welt sind, weil sie gut aussehen, in grossen Hallen spielen und ständig im Fernsehen auftreten. Das ist eine verbreitete und legitime Sichtweise des Lebens. Unsere Wahrnehmung ist subjektiv und für viele ist die beste Musik, diejenige, die am meisten im Radio gespielt wird. Ein anderes oft gelesenes Argument ist, dass die neue Methode aus Amerika kommt und dort sehr verbreitet ist. Anscheinend kommen diese nicht sehr substantiellen Botschaften gut an, denn sie werden oft gebraucht. Fast jeder Mensch hat den Schafherdeninstinkt in sich; allerdings haben wir auch die Möglichkeit der Reflexion und der freien Entscheidung. Die Philosophie des Ladens zeigt sich mit am Geruch. Riecht der Leiter nach Chanel oder nach Erde? Fährt er ein Luxusauto oder Fahrrad? Mag er komfortable Resorts in Südostasien oder fährt er mit dem alten Wohnmobil in die Natur? Jeder soll da Yoga praktizieren, wo es ihm Spass macht. Wir leben in einem freien Land und einer schnelllebigen Zeit. Alles kann, nichts muss. Allerdings sollte man nicht unbedingt den Interviews und Berichten in den Yogazeitschriften vertrauen. Die sind keine grosse Hilfe, denn sie empfehlen in der Regel nur ihre Anzeigenkunden. Auch ist es ziemlich egal, ob eine Schauspielerin diese Yogaart praktiziert oder der Betreiber des Yogastudios die deutsche Nationalmannschaft unterrichtet. Der Teammanager der Nationalelf ist werbefreundlich und unterstützt auch schon mal die Lobby der Atomenergie. Wer sich wirklich ernsthaft für einen spirituellen Weg interessiert, sollte sich kritisch informieren und nicht mit der Schafherde laufen. Vielleicht suchen sich auch ein ruhigeres Studio, in dem die Lehrer Zeit für ihre Schüler haben und sollte bereit sein für eine längere Lernphase. In der Regel sind die kleinen Läden günstiger und angenehmer. Ein gutes Zentrum muss nicht vom Innenarchitekten gestaltet worden sein und keine teure Werbung in Hochglanzmagazinen schalten. Hier zählen wie bei der Partnerwahl die inneren Werte. Man kann sich an vielen Orten ernsthaft seiner meditativen Praxis widmen, die echte Bereitschaft vorausgesetzt.

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Autor: Alexandru Sandbrand-Nisipeanu

Der Autor ist Journalist und Blogger

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